• Eine Straßenbahn der Saarbahn in der Innenstadt von Saarbrücken

Pressemitteilung

Wie viel Geld ist Herr Nagel bereit auszugeben, nur um sich nicht mit seinen eigenen Beschäftigten einigen zu müssen? Fahrgäste und Steuerzahler zahlen die Rechnung für Machtkampf der Saarbahn

GDL wirft Saarbahn-Geschäftsführer vor, den Tarifkonflikt auf Kosten von Beschäftigten, Fahrgästen und öffentlichen Mitteln festzufahren – Modellrechnung zeigt: Ersatzverkehr hat längst mehr gekostet als eine tarifliche Einigung

Seit mehr als einem halben Jahr erleben die Beschäftigten der Saarbahn, die Fahrgäste in Saarbrücken und im Umland die Folgen eines Tarifkonflikts, für den noch immer keine Lösung in Sicht ist. Für die GDL stellt sich deshalb inzwischen nicht mehr nur die Frage, warum keine Einigung erzielt wird, sondern vor allem, wer die Verantwortung dafür trägt, dass eine Einigung offenbar gar nicht mehr gewollt ist.

 

Für den GDL-Bundesvorsitzenden Mario Reiß ist diese Verantwortung inzwischen klar zu benennen: Saarbahn-Geschäftsführer Karsten Nagel hat aus einer lösbaren Tarifauseinandersetzung eine persönliche Machtfrage gemacht – und lässt Beschäftigte, Fahrgäste und letztlich die öffentliche Hand dafür den Preis zahlen.

 

Eine der GDL vorliegende Modellrechnung liefert dazu erstmals eine Größenordnung. Auf Grundlage des veröffentlichten Ersatzkonzepts, des modellierten Fahrzeugbedarfs und üblicher Verrechnungssätze werden die Kosten des externen Schienenersatzverkehrs auf rund 16.000 bis 22.000 Euro je Kalendertag geschätzt. Für die 75 Tage zwischen dem 10. Juli und dem 22. September ergibt sich daraus eine Größenordnung von 1,2 bis 1,65 Millionen Euro, im mittleren Szenario rund 1,43 Millionen Euro. Die tatsächlichen Vertragskosten hat die Saarbahn bislang nicht veröffentlicht. 

 

Demgegenüber stehen in derselben Modellrechnung rund 145.000 Euro Mehrkosten für einen GDL-Abschluss im Jahr 2026, rund 699.000 Euro im Jahr 2027 und knapp 800.000 Euro pro vollem Jahr ab 2028. Rechnerisch entsprechen damit bereits rund 42 Tage Ersatzverkehr einem kompletten Jahr der modellierten tariflichen Mehrkosten. Beide Kostenarten sind wirtschaftlich nicht vollständig gleichzusetzen – Tarifverbesserungen wirken dauerhaft, Ersatzverkehre grundsätzlich nur für die Dauer ihres Einsatzes. Gerade deshalb hält die GDL eine Offenlegung der tatsächlichen Kosten inzwischen für unerlässlich.

 

GDL-Bundesvorsitzender Mario Reiß:

„Man muss die Frage inzwischen andersherum stellen: Wie viel Geld ist Herr Nagel bereit auszugeben, nur um sich nicht mit seinen eigenen Beschäftigten einigen zu müssen? Wenn nach unserer Modellrechnung bereits rund 42 Tage Ersatzverkehr so viel kosten wie ein ganzes Jahr tariflicher Verbesserungen, dann muss nicht mehr die GDL erklären, ob ihre Forderungen finanzierbar sind. Dann muss Herr Nagel erklären, was sein Kurs die Saarbahn tatsächlich kostet.“
 

Die Saarbahn selbst bestätigt, dass für den Schienenersatzverkehr überwiegend externe Auftragsunternehmen eingesetzt werden. Zugleich wurde das Ersatzkonzept im Laufe des Konflikts immer weiter ausgebaut.

 

Für Reiß zeigt sich darin ein grundsätzlicheres Problem:

„Verhandlungen mit der GDL sind anspruchsvoll. Es gelang aber mehr als 60 weiteren Tarifpartnern der GDL, eine Einigung zu erzielen und das ohne eine Streikstunde. Wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder und tun das mit Nachdruck. Das haben wir bundesweit bewiesen, und selbst bei der Saarbahn haben KAV, Unternehmen und GDL noch 2024 gemeinsam einen hochwertigen Tarifabschluss zustande gebracht. Wer heute den Eindruck erweckt, mit dieser Gewerkschaft könne man grundsätzlich keine Lösung finden, wird durch seine eigene Vergangenheit widerlegt.“

 

Noch im August 2024 hatten Saarbahn, KAV Saar und GDL gemeinsam einen Tarifabschluss vereinbart, der unter anderem die schrittweise Einführung der 35-Stunden-Woche für Schichtarbeiter, Entgelterhöhungen und weitere Verbesserungen vorsah.

 

Es geht längst nicht mehr nur ums Geld

 

Für die GDL liegt die Ursache der heutigen Eskalation deshalb tiefer. KAV Saar und Saarbahn hatten der Gewerkschaft Ende August ausdrücklich ein „geordnetes und wertschätzendes Auslaufen der Tarifpartnerschaft“ nahegelegt. Die GDL weist diesen Ansatz deutlich zurück.

 

Reiß:

„Nach mehr als einem halben Jahr muss man sich fragen, was Herr Nagel eigentlich erreichen will. Wenn der Arbeitgeber nicht mehr darüber verhandeln möchte, wie ein Tarifvertrag mit der GDL aussieht, sondern darüber, ob es die GDL als Tarifpartner überhaupt noch geben soll, dann befinden wir uns nicht mehr in einer gewöhnlichen Tarifauseinandersetzung. Dann geht es um eine Grundsatzfrage.“

 

Die Entscheidung darüber, welcher Gewerkschaft Beschäftigte angehören und durch wen sie ihre Interessen vertreten lassen wollen, liegt bei den Arbeitnehmern selbst. Das Tarifeinheitsgesetz ändert daran nichts.
 

„Herr Nagel muss das Verbrennen von Steuergeldern beenden. Dazu muss er an den Tisch kommen. Gerne auch mit einer Strategie, gerne aber auch weiterhin ohne Strategie. Was er nicht kann, ist für seine Beschäftigten aussuchen, welche Gewerkschaft für sie die richtige sein soll. Die Koalitionsfreiheit ist kein Instrument der Geschäftsführung,“ erläutert Reiß.

 

Dass die Arbeitgeberseite den TV-N Saar auch auf die bislang von der GDL vertretenen Lokomotivführer erstrecken möchte und zugleich ein Ende der Tarifpartnerschaft mit der GDL ins Spiel gebracht hat, ist aus Sicht der Gewerkschaft deshalb weit mehr als eine taktische Frage. Das ist der Versuch, tarifpolitische Vertretung durch die GDL im Unternehmen dauerhaft zurückzudrängen. Bereits Anfang September hatte Herr Nagel öffentlich erklärt, dass sämtliche bei der Saarbahn beschäftigten Lokomotivführer nach ihren Angaben GDL-Mitglieder seien.

 

„Es gibt auch einen Tag nach dem Arbeitskampf“
 

Hinzu kommen aus Sicht der GDL offene Fragen im Umgang mit den Entgeltabrechnungen nach den Arbeitskampfmaßnahmen. Wo Beschäftigten zustehende Entgeltbestandteile aus Sicht der Gewerkschaft nicht ordnungsgemäß abgerechnet oder ausgezahlt wurden, werde die GDL die Ansprüche ihrer Mitglieder rechtlich prüfen und erforderlichenfalls gerichtlich durchsetzen.

 

Reiß:

„Wir haben viele harte Tarifauseinandersetzungen erlebt. Aber professionelle Arbeitgeber wissen eines: Es gibt immer auch einen Tag nach dem Arbeitskampf. Wer heute jedes Vertrauen verspielt, Beschäftigte und ihre Gewerkschaft gegeneinander auszuspielen versucht und gleichzeitig immer tiefere Gräben zieht, muss sich morgen fragen lassen, wie er dieses Unternehmen wieder zusammenführen will.“
 

Karsten Nagel trägt dabei aus Sicht der GDL besondere Verantwortung. Er ist alleiniger Geschäftsführer der Saarbahn GmbH und der Saarbahn Netz GmbH, Mitglied der Geschäftsführung der Stadtwerke Saarbrücken und zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der Saarländischen Nahverkehrs-Service GmbH, der Dachorganisation des saarVV. 

 

Reiß abschließend:

„Herr Nagel hat aus einem Tarifkonflikt inzwischen eine Grundsatzauseinandersetzung gemacht. Aber weder Millionen für Ersatzverkehre noch das Tarifeinheitsgesetz noch der Versuch, die GDL aus der Saarbahn herauszudrängen, werden die Mitglieder dazu bringen, ihre Interessen aufzugeben. Deshalb wäre es an der Zeit, nicht noch mehr Geld, Vertrauen und Betriebsfrieden zu verspielen. Der günstigste und vernünftigste Weg aus diesem Konflikt führt noch immer durch dieselbe Tür: die zum Verhandlungstisch.“

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