Pressemitteilung

Schwarze Zahlen reichen nicht: GDL sieht wirtschaftliches Potenzial der Bahn bei Weitem nicht ausgeschöpft

Gestiegene Fahrgastzahlen treffen auf hohe Investitionen, den Verkauf wertvoller Konzernbereiche und erheblichen Personalabbau – für die GDL fällt das Halbjahresergebnis deshalb ernüchternd aus.

Die Deutsche Bahn hat im ersten Halbjahr 2026 erstmals seit sieben Jahren wieder schwarze Zahlen im Eisenbahngeschäft ausgewiesen. Was der Konzern als wirtschaftliche Trendwende präsentiert, ist aus Sicht der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) jedoch allenfalls ein erster Schritt – und angesichts der vorhandenen Voraussetzungen ein ernüchterndes Ergebnis.

Den gestiegenen Fahrgastzahlen stehen erhebliche öffentliche Investitionen, umfangreiche Kostensenkungen, der Verkauf wertvoller Konzernbestandteile und ein deutlicher Personalabbau gegenüber. Vor diesem Hintergrund greift es zu kurz, einen Gewinn von 147 Millionen Euro bereits als Beleg für eine nachhaltige Gesundung des Unternehmens zu feiern.

„Wer die wirtschaftliche Entwicklung der Deutschen Bahn ernsthaft bewerten will, darf nicht nur auf die Zahl unter dem Bilanzstrich schauen“, erklärt der GDL-Bundesvorsitzende Mario Reiß. „Die Bahn profitiert von steigender Nachfrage, von milliardenschweren Investitionen des Bundes und von einschneidenden Sparmaßnahmen. Gleichzeitig wurde Tafelsilber veräußert und Personal in erheblichem Umfang abgebaut. Gemessen an diesen Voraussetzungen ist das vorgelegte Ergebnis nicht überzeugend, sondern ernüchternd.“

Aus Sicht der GDL hätte das wirtschaftliche Potenzial bei einer konsequenten, professionellen und am Kerngeschäft orientierten Unternehmensführung deutlich höher liegen müssen. Bei steigenden Fahrgastzahlen im gesamten DB-Konzern wäre nach Einschätzung der Gewerkschaft ein Ergebnis von mehr als einer Milliarde Euro erreichbar gewesen. Die Differenz zwischen diesem Potenzial und dem tatsächlich ausgewiesenen Gewinn verdeutlicht, dass die strukturellen Probleme des Konzerns trotz schwarzer Zahlen keineswegs überwunden sind.

Für die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ist die Entwicklung der Fahrgastzahlen trotzdem ein deutliches Zeichen: Das Land braucht die Eisenbahn – und die Menschen wollen die Eisenbahn. Die gestiegenen Fahrgastzahlen sind ein Vertrauensbeweis für die Schiene, zugleich aber auch ein unmissverständlicher Auftrag an die Deutsche Bahn und die Politik.

„Es ist bekannt, dass die Menschen Bahn fahren wollen.“, erklärt der GDL-Bundesvorsitzende Mario Reiß. „Das ist insgesamt eine gute Nachricht für die Mobilität in Deutschland. Doch wer immer mehr Fahrgäste für die Schiene gewinnen will, muss auch dafür sorgen, dass Züge, Infrastruktur und Personal dieser wachsenden Verantwortung gerecht werden. Eine positive Bilanz allein bringt noch keinen Zug pünktlich ans Ziel.“

„Die schwarzen Zahlen – die auf Jahre der roten folgen – dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die betriebliche Realität weiterhin von erheblichen Qualitätsproblemen geprägt ist. Im Juni lag die betriebliche Pünktlichkeit im Fernverkehr lediglich bei 52,6 Prozent. Wirtschaftliche Kennzahlen und die tatsächliche Leistungsfähigkeit des Bahnsystems dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden,“ so Reiß weiter.

 

Ohne Eisenbahner fährt kein Zug

Der wachsende Zuspruch zur Bahn erhöht den ohnehin gewaltigen Aufgabenberg, den die Eisenbahn für die Mobilität in Deutschland bewältigen soll. Mehr Reisende bedeuten mehr Züge, dichtere Verkehre, höhere Anforderungen an die Betriebsqualität und einen größeren Bedarf an qualifiziertem Personal.

Die Nachfrage bewegt noch keinen einzigen Zug – das leisten die Eisenbahner“, so Reiß. „Wer sich über steigende Fahrgastzahlen freut, muss deshalb auch bereit sein, in diejenigen zu investieren, die den Eisenbahnbetrieb jeden Tag unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten.“

Die GDL warnt davor, die wirtschaftliche Erholung des Konzerns vor allem über Personalabbau oder einen undifferenzierten Sparkurs erreichen zu wollen. Effizientere Strukturen in Konzernleitungen und internen Dienstleistungsbereichen können sinnvoll sein. Im operativen Eisenbahnbetrieb darf Effizienz jedoch nicht mit einer weiteren Ausdünnung des Personals verwechselt werden.
 

Gute Arbeit muss attraktiv bleiben

Damit die Eisenbahn für ihre wachsenden Aufgaben auch künftig genügend qualifizierte Beschäftigte gewinnt, müssen die zahlreichen Eisenbahnberufe attraktiv bleiben. Dazu gehören eine angemessene Bezahlung, verlässliche Arbeitsbedingungen und starke Tarifverträge.

Erfahrene Eisenbahner müssen im System gehalten und für ihre Leistung gewürdigt werden. Gleichzeitig müssen insbesondere junge Menschen für eine berufliche Zukunft bei der Eisenbahn begeistert werden. Dafür braucht es nicht nur öffentlichkeitswirksame Personalwerbung, sondern reale Perspektiven: sichere Arbeitsplätze, planbare Arbeitszeiten, wirksamer Schutz vor Übergriffen, gute Qualifizierung und eine Bezahlung, die der hohen Verantwortung gerecht wird.
 

Infrastruktur und Qualität müssen Schritt halten

Mit der Zahl der Fahrgäste wächst auch die Verantwortung für ein funktionierendes Gesamtsystem. Störungen, Verspätungen und Zugausfälle treffen bei steigender Nachfrage immer mehr Menschen. Eine marode und überlastete Infrastruktur wird damit zunehmend zum Hemmschuh für die gesellschaftlich gewünschte Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene.

Die künftige Führung des Bundesverkehrsministeriums muss die Stabilisierung und den Ausbau der Schieneninfrastruktur daher zur absoluten Priorität machen. Erforderlich sind langfristige Finanzierungssicherheit, klare politische Vorgaben, verbindliche Meilensteine und eine professionelle Koordination der zahlreichen Bauvorhaben.

Die positive Entwicklung der Fahrgastzahlen darf nicht dazu führen, dass immer mehr Menschen in ein System gelenkt werden, dessen Leistungsfähigkeit nicht im gleichen Maße wächst. 

 

Mehr Fahrgäste erfordern mehr Sicherheit

Wachsende Fahrgastzahlen und stärker ausgelastete Züge müssen zudem mit einer konsequenten Verbesserung der Sicherheit einhergehen. Insbesondere bei Verspätungen, Zugausfällen, überfüllten Zügen oder alkoholbedingten Störungen kann sich das Konfliktpotenzial erhöhen. Die Verantwortung für die daraus entstehenden Risiken darf nicht beim Zugpersonal abgeladen werden.

Die GDL fordert daher weiterhin den Ausbau der Doppelbesetzung in den Zügen als verlässlichen Standard. Hinzukommen müssen Bodycams mit Tonaufnahme, sichere Rückzugsräume für das Zugpersonal und funktionierende Meldeketten, durch die Vorfälle schnell erfasst, ausgewertet und konsequent verfolgt werden können. Technische Hilfsmittel können dabei unterstützen, ersetzen aber weder ausreichendes Personal noch eine tatsächlich handlungsfähige Sicherheitsarchitektur.
 

Bilanzielle Erholung muss bei Fahrgästen und Eisenbahnern ankommen

„Eine erfolgreiche Bahn erkennt man nicht allein an ihrer Bilanz. Man erkennt sie an verlässlichen Zügen, einer leistungsfähigen Infrastruktur, zufriedenen Fahrgästen und Eisenbahnern, die ihre verantwortungsvolle Arbeit unter guten und sicheren Bedingungen leisten können,“ erläutert Mario Reiß.

zurück