Ein offener Brief von Marcus Hoffmann, Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe Saarbahn, an Uwe Conradt, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Saarbrücken
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Conradt,
mein Name ist Marcus Hoffmann. Ich bin Lokführer bei der Saarbahn, Mitglied der GDL und seit vielen Jahren Betriebsrat bei der Saarbahn.
Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, stehen wir momentan mit der Saarbahn und dem KAV in einem Tarifkonflikt. Ich möchte Ihnen hiermit verdeutlichen, warum wir als Lokführer der Saarbahn für unsere Forderungen einstehen.
Das Ganze beginnt bereits mit der Ausbildung. Als Quereinsteiger bei der Deutschen Bahn dauert die Ausbildung zum Lokführer in der Regel neun Monate. Bei der Saarbahn müssen wir uns die notwendigen Qualifikationen in deutlich kürzerer Zeit aneignen. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass weniger Wissen vermittelt wird oder die Anforderungen geringer wären. Vielmehr müssen wir uns in kürzerer Zeit eine Vielzahl an Inhalten und Regelwerken aneignen und zahlreiche Leistungsnachweise erbringen sowie Abschlussprüfungen bestehen.
Hinzu kommt, dass wir nicht nur nach den Regelungen der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) ausgebildet werden. Zusätzlich benötigen wir die Qualifikation im Betrieb nach BO-Strab im Innenstadtbereich sowie die Berechtigung für den grenzüberschreitenden Verkehr nach Sarreguemines (Frankreich). Auch diese Ausbildungen werden jeweils mit einer Abschlussprüfung abgeschlossen.
In der Summe verfügen die Lokomotivführerinnen und Lokomotivführer bei der Saarbahn damit über Qualifikationen, die weit über das hinausgehen, was in vielen anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen erforderlich ist. Dennoch erhalten wir für diese zusätzlichen Anforderungen keine besondere Anerkennung. Dabei bin ich vom Eisenbahn-Bundesamt als Lokomotivführer anerkannt. Meine Kolleginnen und Kollegen ebenfalls. Wir müssen regelmäßig unsere Kenntnisse nachweisen und uns den gleichen Sicherheitsanforderungen stellen wie die Beschäftigten anderer Eisenbahnunternehmen. Die Verantwortung für die Sicherheit der Fahrgäste hängt nicht von der Länge der Strecke ab. Sie hängt von den erlangten Kenntnissen und der täglich verantwortungsvoll zu leistenden Tätigkeit im unregelmäßigen Schichtwechseldienst ab.
Die GDL fordert deshalb für ihre Mitglieder deutschlandweit ein vergleichbares Lohnniveau. Der Grundsatz lautet: Gleiches Geld für gleiche Arbeit!
Genau das wird uns jedoch von der Saarbahn und dem KAV verweigert. Stattdessen wird argumentiert, die Saarbahn sei ein besonderes Unternehmen und die Tätigkeit der Lokomotivführerinnen und Lokomotivführer wären nicht mit anderen Eisenbahnunternehmen vergleichbar. Wenn man dieser Aussage bei fairer Betrachtung Rechnung tragen würde, müsste unsere Vergütung sogar höher sein als von Eisenbahnern in anderen Unternehmen.
Besonders enttäuschend ist dabei, dass wir in der Vergangenheit bereits mehrfach Rücksicht auf die besonderen Belange der Saarbahn genommen haben. So wurden beispielsweise Themen wie eine BOStrab-Zulage, eine besondere Eingruppierung für den grenzüberschreitenden Verkehr nach Frankreich oder Regelungen zur persönlichen Planungssicherung bisher nicht umgesetzt oder vereinbart. Auch die betriebliche Arbeitszeit liegt weiterhin über der Referenzarbeitszeit vergleichbarer Unternehmen. Auch die mittlerweile öffentlich geführte Debatte zur Rentenversorgung im Alter zeigt die Saarbahn bundesweit als Schlusslicht in der Eisenbahnbranche auf. So ist die vom Arbeitgeber gewährte betriebliche Altersvorsorge schon heute wesentlich geringer als bei allen anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen.
Selbst in der aktuellen Tarifrunde sind wir unserer Verantwortung gerecht geworden, haben uns auf den Arbeitgeber zubewegt und versucht, Lösungswege aufzuzeigen. Dennoch verweigert die Arbeitgeberseite bislang einen Abschluss auf Augenhöhe.
Dabei gibt es längst vergleichbare kommunale Unternehmen, die gezeigt haben, dass faire Lösungen möglich sind. Bei der AVG in Karlsruhe, der City-Bahn Chemnitz oder die RegioTram Gesellschaft in Kassel konnten tarifliche Lösungen gefunden werden, die den Leistungen und Anforderungen der Beschäftigten gerecht werden. Die Unternehmensstrukturen dieser Betriebe sind mit der Saarbahn durchaus vergleichbar.
Deshalb fällt es vielen Kolleginnen und Kollegen schwer zu verstehen, weshalb ausgerechnet bei der Saarbahn immer wieder erklärt wird, dass das angeblich nicht möglich sein soll. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass wir als Eisenbahner zweiter Klasse behandelt werden sollen. Auch stellt sich für mich die Frage, warum die Arbeit der Lokführerinnen und Lokführer der Saarbahn offenbar anders bewertet werden soll als die Arbeit vergleichbarer Beschäftigter in anderen Unternehmen.
Es ist nicht so, dass qualifizierte Lokomotivführerinnen und Lokomotivführer bei der Saarbahn Schlange stehen würden. Es ist mittlerweile schwierig, überhaupt geeignete Bewerber zu finden, um die Ausbildungsgruppen zu besetzen. Umso wichtiger wäre es, die vorhandenen Beschäftigten an das Unternehmen zu binden, ihre Leistung wertzuschätzen und das Berufsbild attraktiv zu gestalten. Andernfalls ist zu befürchten, dass unsere Mitarbeiter der Saarbahn ortsnah zu anderen Unternehmen (zum Beispiel der vlexx GmbH oder der DB Regio AG) in Saarbrücken wechseln, in denen marktgerechte Einkommen bezahlt werden.
Hinzu kommt noch, dass die Saarbahn mittlerweile ein zertifiziertes Eisenbahnunternehmen ist, das besonderen Anforderungen unterliegt und entsprechende Auflagen erfüllen muss. Wie kann es dann sein, dass ausgerechnet bei den Lokführerinnen und Lokführern eines zertifizierten Eisenbahnunternehmens gespart werden soll?
Auf der einen Seite möchte man mit den großen Eisenbahnunternehmen mithalten. Auf der anderen Seite soll ausgerechnet das Personal, das täglich Verantwortung übernimmt, seinen Beruf mit Herzblut ausübt und sich mit dem Arbeitgeber und dem Unternehmen identifiziert, finanziell abgehängt bleiben. Eine solche Entwicklung ist für die Belegschaft wirklich frustrierend und wirft die Frage auf, wohin das führen soll.
Wo bleibt die notwendige Wertschätzung gegenüber einer Belegschaft, die täglich einen so wichtigen Beitrag für die Mobilität der Menschen in Saarbrücken und der Region leistet?
Mich persönlich trifft diese Entwicklung besonders. Ich bin leidenschaftlicher Lokführer und übe meinen Beruf mit Überzeugung und Freude aus. Wenn unsere Arbeit und Qualifikation dennoch klein geredet werden, empfinde ich das als Schlag ins Gesicht!
Die Saarbahn ist nicht irgendein Unternehmen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge in unserer Region und steht zugleich im Eigentum der öffentlichen Hand. Deshalb sind wir der Auffassung, dass die Menschen, die täglich Verantwortung für einen sicheren und zuverlässigen Verkehr übernehmen, Anspruch auf faire und marktgerechte Arbeitsbedingungen haben.
Wir wenden uns deshalb an Sie als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Saarbrücken und als Vertreter der Gesellschafterseite mit der Bitte, Ihren Einfluss geltend zu machen und sich für eine konstruktive Lösung dieses Tarifkonflikts einzusetzen.
Wir erwarten keine Parteinahme für eine Tarifvertragspartei. Wir wünschen uns jedoch, dass die Verantwortlichen der Saarbahn die berechtigten Anliegen ihrer Beschäftigten ernst nehmen und die Voraussetzungen für einen fairen Tarifabschluss schaffen.
Die Kolleginnen und Kollegen der Saarbahn haben in den vergangenen Jahren immer wieder Verantwortung übernommen und Rücksicht auf die besonderen Belange des Unternehmens genommen. Nun erwarten sie umgekehrt die notwendige Wertschätzung und die Bereitschaft, die Arbeitsbedingungen an vergleichbare Standards der Branche heranzuführen.
Dieses Schreiben wird nicht nur von mir persönlich getragen. Die beigefügte Unterschriftenliste zeigt, dass zahlreiche Kolleginnen und Kollegen die darin dargestellten Sorgen, Erwartungen und Forderungen teilen und unterstützen.
Ich bitte Sie daher, sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen und unsere Sorgen ernst zu nehmen. Wir wünschen uns keine Sonderbehandlung. Wir wünschen uns lediglich die Anerkennung und Wertschätzung, die Beschäftigte in vergleichbaren Unternehmen bereits erhalten.
Mit freundlichen Grüßen
Hoffmann Marcus
Lokomotivführer Saarbahn GmbH