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GDL - Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer



Verletzt, schockiert, traumatisiert

Zugpersonal unter Beschuss

GDL Aktuell - Voraus - 06.04.2018

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Die Gewaltspirale dreht sich weiter. Gehören verbale Übergriffe und körperliche Attacken schon seit Jahren wie selbstverständlich zum Alltag des Zugpersonals, nehmen die Taten in jüngster Zeit neue bedrohliche Dimensionen an: Immer öfter werden Züge beworfen oder gar beschossen.

Die Aggressionsbereitschaft der Täter kennt dabei keine Grenzen. Vorsätzlich schleudern sie Steine oder andere schwere Gegenstände auf die Züge, schießen gezielt auf Waggonfenster, feuern skrupellos auf die Frontscheiben der Bahnen – direkt auf den Arbeitsplatz der Lokomotivführer. Stets aus dem Hinterhalt agierend, können sie meist unerkannt entkommen. Polizei und Sicherheitsorgane sind machtlos, zurück bleiben Schrecken und Chaos. So muss im Nachgang jedes Angriffs der jeweilige Streckenabschnitt – zum Tatort geworden – gesperrt, müssen Zug und Umgebung gründlich auf Spuren untersucht werden. Zudem gilt es, die Fahrgäste mit Ersatz- oder nachfolgenden Zügen rasch weiterzubefördern, um Verzögerungen im Reiseablauf so gering wie möglich zu halten.

Innere Bedrohungslage steigt

Der durch die feigen Angriffe entstehende personelle und finanzielle Aufwand ist hoch, der Schaden immens. Doch schlimmer als die Unkosten sind die Folgen für die Betroffenen. Auch wenn durch glückliche Umstände niemand verletzt wurde, bleiben bei den Mitarbeitern des Zugpersonals und der Mehrzahl der Reisenden nach dem Ereignis doch oft nagende Angst und tiefe Unsicherheit zurück. Insbesondere Lokomotivführer, Zugbegleiter und Bordgastronomen stehen häufig unter Schock und sind zuweilen bis zur Arbeitsunfähigkeit traumatisiert. Viele kriegen das Bild der vom wuchtigen Aufprall schwerer Steine zersplitterten oder von Projektilen durchsiebten Scheiben nicht mehr so schnell aus dem Kopf. Das Gefühl, dass der eigene Arbeitsplatz hinterrücks attackiert wurde und dass dies jederzeit wieder passieren kann, setzt den Beschäftigten massiv zu. Die innere Bedrohungslage, ohnehin hoch, steigt weiter.

Angriffslust und Zerstörungswut

Doch nicht nur Steinwürfe und Schusswaffen künden von weithin um sich greifender Angriffslust und Zerstörungswut. Schon seit geraumer Zeit nutzen sich als „Fußballfans“ ausgebende Gewalttäter bereits die Anfahrt zum jeweiligen Spiel, um Züge regelrecht zu zerlegen und die Mitarbeiter des Zugpersonals zu bedrohen und zu attackieren. Meldungen über derartige Vorfälle in den Eisenbahnzügen gehen mittlerweile an fast jedem Spieltag in den jeweiligen Leitstellen ein.

Bürgerkriegsähnliche Bedingungen

Die geschilderten Ereignisse zeichnen das erschreckende Bild einer zunehmend verrohenden Gesellschaft. Aktuelle Zahlen stützen den deprimierenden Befund. So sahen sich 2017 2 550 DB-Mitarbeiter mit Übergriffen konfrontiert – das bedeutet einen Anstieg um sieben Prozent gegenüber 2016. Zwar fiel die Steigerung damit geringer aus als vor Jahresfrist, als sie noch 30 Prozent betrug. Doch dies darf keinesfalls Anlass zur Entwarnung sein. Fakt ist: Noch immer steigt die Zahl der Übergriffe und jeder einzelne davon ist einer zu viel. Es kann und darf nicht sein, dass Lokomotivführer, Zugbegleiter und Bordgastronomen ihre Arbeit unter teilweise bürgerkriegsähnlichen Bedingungen ausüben müssen.

Null Toleranz für Gewalttäter

Was tun? Wie kann das Zugpersonal angesichts aggressiver Fahrgäste, marodierender Hooligans und feigem Beschuss aus dem Hinterhalt besser vor Gewalt geschützt werden? Grundsätzlich gilt, dass es nicht die Angelegenheit der Beschäftigten sein kann, für ihren eigenen Schutz und ihre Sicherheit zu sorgen. An erster Stelle müssen die Arbeitgeber ihre Fürsorgepflicht umfassend und konsequent wahrnehmen. Und tatsächlich wächst auf deren Seite das Bewusstsein für die Gefahren, denen die Beschäftigten in Ausübung ihrer Tätigkeit ausgesetzt sind. So hat beispielsweise die WestfalenBahn erst kürzlich ein deutliches Zeichen gegen Übergriffe gesetzt. Das Bielefelder Unternehmen ließ einen aggressiven Fußballfan nach dessen brutalem Angriff auf eine Zugbegleiterin nicht nur vollkommen zu Recht strafrechtlich verfolgen, sondern sprach zudem ein Hausverbot aus. Damit wurde dem Täter das Recht auf Beförderung zunächst für ein halbes Jahr entzogen. Null Toleranz gegenüber Gewalttätern – dieses Beispiel sollte bei allen Eisenbahnverkehrsunternehmen schnell Schule machen.

Sicherheit und Ordnung gewährleisten

Doch damit sind die Mittel natürlich nicht erschöpft. Die GDL ist mit sämtlichen Akteuren auf dem Eisenbahnverkehrsmarkt – Unternehmen, Verkehrsverbünde, Aufgabenträger und der Politik – im Gespräch. Zum Schutz des Zugpersonals fordert sie unter anderem mehr Videoüberwachung, die verstärkte Präsenz von Bundespolizei und Sicherheitskräften auf Bahnhöfen und in Zügen sowie die zusätzliche Bestreifung bekannter Problemzüge und Streckenabschnitte durch Sicherheitskräfte oder die Bundespolizei.

All diese Maßnahmen sind sinnvoll und notwendig. Doch darüber hinaus bedarf es weiterer und tiefergehender Anstrengungen, um den Werteverfall in der Gesellschaft zu beenden. Hier sind vor allem die Politiker gefordert. Ziel muss es sein, die Mitarbeiter der Eisenbahnen und die überwiegende Mehrheit der friedlichen Reisenden zu schützen und endlich wieder Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten.
S. M.

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