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Sicherheit im Nahverkehr

GDL Aktuell - Voraus Artikel - 13.12.2017

Foto: fpic/fotolia
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Zweifellos machen Mitarbeiter der Berufe mit Kundenkontakt, so auch die Zugbegleiter, gute und schlechte Erfahrungen. Das Verhalten der Reisenden umfasst ein breites Spektrum von freundlich und zugewandt bis hin zu unhöflich, abweisend und – mit deutlich steigender Tendenz – leider auch aggressiv. In den Zügen des Nahverkehrs ist verbale und körperliche Gewalt seit Jahren keine Ausnahme mehr, sondern trauriger Alltag. Immer häufiger kommt es zu Übergriffen, immer öfter werden Mitarbeiter des Zugpersonals beleidigt, bespuckt und körperlich angegriffen.

Fürsorgepflicht konsequent wahrnehmen

Viele Beschäftige fühlen sich daher unsicher und stellen sich die Frage: Wie soll ich mit der täglichen Bedrohung umgehen? Individuelle Bewältigungsstrategien, etwa Selbstverteidigungskurse oder Entspannungsübungen, können hilfreich sein, bleiben aber letztlich nur Stückwerk. Vor allem aber kann und darf es nicht den Mitarbeitern überlassen bleiben, für ihren Schutz und ihre Sicherheit am Arbeitsplatz zu sorgen. Hier ist der Arbeitgeber aufgefordert, seine Fürsorgepflicht umfassend und konsequent wahrzunehmen. Doch daran hapert es leider allzu oft. So werden Deeskalationsschulungen bei der DB häufig nur angekündigt, nicht aber tatsächlich durchgeführt und bei vielen NE-Bahnen ist es an der Tagesordnung, die entsprechenden Richtlinien einfach zu umgehen.

Verantwortliche machen es sich zu leicht

Doch nicht nur von den Arbeitgebern fühlen sich die Beschäftigten mit ihren Ängsten alleine gelassen. Ein weiterer gravierender Missstand besteht darin, dass Verkehrsverbünde Beförderungsbedingungen aufstellen, ohne deren Umsetzung zu gewährleisten. So wird einfach festgelegt, dass Personen, die eine Gefahr für die Sicherheit oder Ordnung des Betriebes oder für die Fahrgäste darstellen, von der Beförderung ausgeschlossen werden. Dazu zählen Menschen, die unter dem Einfluss alkoholischer Getränke oder anderer berauschender Mittel stehen, ansteckende Krankheiten haben oder Schusswaffen mit sich führen ohne einen Waffenschein zu besitzen. Doch tatsächlich werden selbst einfachste Vorgaben wie etwa das Verbot von Speisen und Getränken oder gar Rauchverbote nicht konsequent verfolgt. Wie soll da ein Kundenbetreuer, noch dazu innerhalb weniger Sekunden, die Fahrgäste beurteilen und den Beförderungsausschuss durchsetzen? So einfach können es sich die Verantwortlichen nicht machen.

Arbeitsschutzmaßnahmen anwenden

Noch einmal: Wer Regeln aufstellt, muss auch für deren Umsetzung sorgen. Die GDL hat in ihrer Umfrage „Mit Sicherheit“ nachgewiesen, dass dies häufig nicht geschieht und zudem belegt, dass die Dunkelziffer bei Übergriffen erheblich höher ist, als es die offiziellen Zah-len hergeben.

Deshalb fordert der bundes-weite Arbeitskreis Zugbegleitdienst (bAk ZuB), dass die Umsetzung des gesetzlichen Arbeitsschutzes in den Eisenbahnverkehrsunternehmen endlich ernst genommen wird und wirksame technische und organisatorische Maßnahmen zur Gewaltprävention ergriffen werden. Dazu gehören:

  1. Doppelbesetzung durch Zugbegleiter in den Abendstunden und bei bekannten Problemzügen beziehungsweise Strecken. Zusätzliche Bestreifung von bekannten Problemzügen beziehungsweise Streckenabschnitten durch Sicherheitskräfte und gegebenenfalls die Bundespolizei.
  2. Videoüberwachung in allen Zügen, insbesondere die Weiterentwicklung der Technik zur Liveaufschaltung, gekoppelt mit weiteren technischen Hilfsmitteln mit Notruffunktionen.
  3. Verstärkte Präsenz von Bundespolizei und Sicherheitskräften auf Bahnhöfen, aber auch in den Zügen.
  4. Sicherheitskräfte oder Bundespolizei müssen an Brennpunkten umgehend vor Ort sein, um die Durchsetzung des Hausrechts auch gewährleisten zu können. Fußballzüge müssen immer durch geschulte und versierte Einsatzkräfte in ausreichender Zahl begleitet werden.
  5. Die Eisenbahnverkehrsunternehmen und die Verkehrsverbünde haben alles zu unternehmen (und diese Aktivitäten zu belegen), damit den Mitarbeitern des Zugpersonals bei der Durchsetzung des Hausrechts der Rücken gestärkt wird. Dazu gehören öffentliche Bekenntnisse zu den Beschäftigten und die Forderung nach deutlichen Konsequenzen für die Täter.

Jeden Vorfall melden

Natürlich lässt sich das problematische Verhalten einiger Nutzer der Verkehrsangebote nicht von heute auf morgen ändern. Es gibt auch nur geringe rechtliche Mittel, Wiederholungstäter von Vornherein auszuschließen. Doch die Mitarbeiter des Zugpersonals sind nicht zur Untätigkeit verdammt. Über Meldeverfahren, wie etwa den elektronischen Zugbericht oder eine telefonische Meldekette an die Leitstelle, können sie jeden Vorfall dokumentieren und gegebenenfalls eine strafrechtliche Verfolgung einleiten. Und auch wenn jeder Beschäftigte seine ganz individuelle Wahrnehmung von Gewalt hat, sollte klar sein, dass es keine Kavaliersdelikte gibt. Jeder Vorfall, und sei er scheinbar noch so klein, muss gemeldet werden, denn heute ist es nur eine Beleidigung, aber morgen vielleicht schon ein Faustschlag. Daher gilt: Jede Meldung muss durch den Arbeitgeber verfolgt werden.

Sicherheit steht an erster Stelle

Auch das immer wieder vorgebrachte Argument der Arbeitgeber, wonach mehr Sicherheit zu teuer wäre und dadurch Verkehrsleistungen bei Ausschreibungen verloren gingen, geht ins Leere: Ja, Sicherheit kostet Geld, aber wenn die Mitarbeiter sich nicht sicher fühlen, wie sollen sich denn dann die Kunden sicher fühlen?

Klar ist: Kein Kollege soll länger mit dem Gefühl der Angst zur Arbeit gehen. Sicherheit darf nicht länger durch Leugnen, Verschweigen oder vorgeschobene kaufmännische Entscheidungen zur Nebensache gemacht werden, sondern muss im Interesse des Zugpersonals endlich an erster Stelle stehen.

Gefahren vom Zugpersonal abwenden

Mit der Einführung der Regelungen bei Fahrdienstuntauglichkeit (FDU-TV) auch für Zugbegleiter und Bordgastronomen hat die GDL erst kürzlich einen Meilenstein in den Bemühungen zum Schutz des Zugpersonals gesetzt. Sie wird sich bei der Politik, den Aufgabenträgern und den Eisenbahnverkehrsunternehmen weiterhin mit aller Kraft dafür einsetzen, Schaden von den Beschäftigten abzuwenden. Die Abwehr von Übergriffen und der Erhalt des seelischen und körperlichen Wohls der Mitarbeiter nehmen dabei einen besonderen Stellenwert ein.
M. K.

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