» Fit für die Zukunft

Liebe Kolleginnen und Kollegen, der technologische Fortschritt verlangt viel von den Lokomotivführern und Zugbegleitern. Was ändert sich, was bleibt gleich, worauf muss sich das Zugpersonal einstellen, was bringt die Zukunft? Unter dem Titel „Wir schauen immer nach vorn!“ blickt die GDL Seite an Seite mit ihrem Zugpersonal in die Zukunft, S. 4. ... mehr

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GDL - Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer



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Wir brauchen kein „Mensch 4.0“

GDL Aktuell - Voraus Leitartikel - 11.03.2016

Karikatur: Bernd Skott
Karikatur: Bernd Skott

„Jede Arbeit ist wichtig, auch die kleinste. Es soll sich keiner einbilden, seine Arbeit sei über die seines Mitarbeiters erhaben“, so führte einst Robert Bosch aus. In der heutigen Zeit haben aber viele Führungskräfte − neudeutsch Manager − vergessen, was Mitarbeiter sind. Sie philosophieren unverdrossen über „Human Resources“. Zu diesem Begriff schreibt der Duden treffend: „alle in einem Unternehmen zur Verfügung stehenden menschlichen Leistungspotenziale.“ Scheinbar betrachten viele Führungskräfte deshalb Human Resources als Kostenfaktor, den man ständig weiter flexibilisieren muss.

Dabei wird in Eisenbahnverkehrsunternehmen gerne außen vor gelassen, dass gerade Lokomotivführer und Zugbegleiter schon heute ihre Arbeitszeit an 365 Tagen im Jahr zwischen null und 24 Uhr erbringen. Doch statt Personalmangel und Überstundenberge nachhaltig zu reduzieren und gleichzeitig Planbarkeit für den Einsatz des Zugpersonals herzustellen, heißt das neue Zauberwort der Führungskräfte „Flexibilisierung“. Gleichzeitig wird dieses Vorgehen hinter der rasanten technischen Entwicklung versteckt. Mit Begriffen wie

  • Digitalisierung 4.0,
  • Mobilität 4.0,
  • Industrie 4.0 aber auch
  • Arbeitswelten 4.0

soll den Beschäftigten vor allem suggeriert werden, dass die Unternehmen mit der Zeit gehen und die Mitarbeiter dies unbedingt auch müssen.

Keine Grenzen mehr?

Was Führungskräfte hinter diesem Vorgehen verstehen, konkretisierte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Ingo Kramer im Januar 2016. Er forderte die Abschaffung der Höchstgrenze der täglichen Arbeitszeit. In seiner Begründung ging es allerdings nicht um die Interessen der Unternehmen. Vielmehr behauptete er, dass diese Höchstgrenzen nicht mehr mit der Lebensrealität der Mitarbeiter übereinstimmen würden. Es wäre somit der Wunsch des Zugpersonals an einem Werktag 16 oder 17 Stunden zu arbeiten. Dem ist aber nicht so. Und das ist deshalb mit der GDL auch nicht zu machen. So hat sie in ihren Tarifverträgen für die Bordgastronomen beispielsweise keine Öffnungsklausel für Schichtlängen bis zu 15 Stunden zugelassen (Darmstädter Schichten), anders als andere.

Die BDA geht aber sogar noch einen Schritt weiter. So soll es durch Öffnungsklauseln im Arbeitszeitgesetz ermöglicht werden, dass Betriebsräte künftig Regelungen zur Abweichung von der gesetzlichen Mindestruhezeit von elf Stunden schaffen können, in denen die Lage der Arbeitszeit durch die Beschäftigten bestimmt wird. Auch hier heißt erneut die Begründung: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Vehemenz Arbeitgeber versuchen, gesetzliche Schutzgrenzen auszuhebeln, die gerade für das Zugpersonal eine wichtige Rolle spielen. Dabei erleben Lokomotivführer, Zugbegleiter und ihre Betriebsräte schon in der heutigen Zeit oft genug, dass Führungskräfte versuchen, die Schutzgrenzen zu überschreiten.

GDL: klare, verlässliche Regeln

Die Digitalisierung nimmt unbestritten zu. Damit verändern sich auch Arbeitsabläufe. Die GDL will den Fortschritt auch nicht aufhalten. Es müssen aber klare Regeln dazu geschaffen werden. Mit den neuen Handys und Tablets sind die Mitarbeiter rund um die Uhr erreichbar. So verschwimmt Dienst und Freizeit. Dienst ist aber Dienst und Schnaps ist Schnaps.

Deshalb hat die GDL bereits in ihren Flächentarifverträgen klare Schutzregelungen geschaffen, wie

  • eine Begrenzung der Überstunden,
  • eine Absenkung der Jahresarbeitszeit ab dem Jahr 2018 auf 38 Wochenstunden und
  • Leitplanken für die tägliche Schichtplanung.

Darüber hinaus fordert sie für die Erstellung der örtlichen Schichten und Dienstpläne:

  • einen verbindlichen Jahresruhetagsplan, in dem jedes dritte Wochenende frei ist sowie
  • quartalsweise Planungsperioden zum Schichteinsatz.

Damit werden für Lokomotivführer und Zugbegleiter Freizeit und Arbeitsleben etwas planbarer und Familie und Beruf lassen sich besser vereinbaren.

In der Praxis müssen aber viele Betriebsräte täglich für ein Planbarkeit in der Einsatzplanung des Zugpersonals kämpfen. Warme Worte und/oder wohltönende Initiativen zur Verlegung von Jahresfahrplänen haben nichts gemein mit den tatsächlichen Bedürfnissen des Zugpersonals und den ständigen Versuchen von Führungskräften, vorhandene Schutzregeln soweit auszudehnen, dass die Flexibilität im täglichen Einsatz permanent erhöht werden kann. Während manche Betriebsräte diesen Kampf mit den örtlichen Führungskräften wegen Begriffen wie Wettbewerbsfähigkeit scheuen, sind viele GDL-Betriebsräte gerade in den vergangenen Monaten vor Einigungsstellen aktiv. Sie blockieren diese Versuche der Arbeitgeber und setzen gleichzeitig die Schutzklauseln in Tarifverträgen und Gesetzen für die Arbeitnehmer um − ob bei der trilex in Sachsen, im Fernverkehr in Berlin oder in der Vergangenheit bei der S-Bahn in Frankfurt an Main.

Kein Diensthandy nach Dienstschluss

Selbst Projekte, die eigentlich bessere Arbeitszeiten suggerieren, sind mit Vorsicht zu genießen. Meist versteckt sich hinter „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ oder dem Kürzel 4.0 nur ein flexiblerer Einsatz des Zugpersonals. Generell empfiehlt die GDL ihrem Zugpersonal deshalb, die Geräte nach Dienstende auszuschalten. Denn was in großen Telekommunikationsunternehmen schon abschließend geregelt ist, muss für Eisenbahnverkehrsunternehmen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Für die GDL ist klar, dass Lokomotivführer und Zugbegleiter individuelle Bedürfnisse und die Notwendigkeit für entsprechende Erholungsphasen haben. Schon der Unternehmer Henry Ford sagte einst „wo Menschen am längsten arbeiten und damit die geringste Freizeit haben, kaufen sie die wenigsten Güter.“ Gleiches gilt in der heutigen Zeit für die von Führungskräften und Managern gewünschte absolute Flexibilisierung im Einsatz der Mitarbeiter. Wir brauchen keinen Menschen 4.0, sondern klare und verlässliche Regeln zur Arbeitszeit- und Schichtgestaltung, die erst einmal eingehalten werden müssen. Dafür wird die GDL weiter stark und erfolgreich kämpfen.

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