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Aggressive Übergriffe

„Die Angst fährt immer mit“

GDL Aktuell - Voraus Artikel - 10.04.2014

Immer wieder werden Zugbegleiter zum Opfer von Übergriffen aggressiver Fahrgäste. Das Spektrum reicht von scheinbar harmlosen Sprüchen über verbale Drohungen und Beleidigungen bis hin zu massiven körperlichen Attacken. Der bundesweite Arbeitskreis Zugbegleiter (bAk Zub) in der GDL weist seit Jahren auf diesen Missstand hin und fordert mehr Schutz für die Beschäftigten.

Doch auch wenn das öffentliche Bewusstsein für die Situation des Zugbegleitpersonals langsam wächst, so bleibt noch viel zu tun. Noch immer haben die Betroffenen mit dem Unverständnis der Arbeitgeber zu kämpfen und werden mit der Bewältigung der Übergriffe viel zu oft alleine gelassen.
Den Morgen des 13. Mai 2011 wird Nicole Arnold, Zugbegleiterin bei DB Regio NRW ihr Leben lang nicht vergessen. Die heute 40-Jährige war von Köln nach Koblenz unterwegs, als sie um 8 Uhr morgens bei Bonn-Oberkassel von einem männlichen Fahrgast massiv bedroht wurde. „Auf meine Bitte die Fahrkarte vorzuzeigen, reagierte er total aggressiv“, so Arnold. Der Mann beschimpfte sie mit obszönen Ausdrücken, drohte ihr mit den Fäusten, tippte an ihre Brüste, griff ihr in den Schritt. „Ich war wie versteinert“, so Nicole Arnold. Mit Blicken versuchte sie, die Fahrgäste im Zug um Hilfe zu bitten, zunächst vergeblich, „denn alle guckten weg“. Erst als sie von einer Reisenden ausdrücklich dazu aufgefordert wurden, ergriffen schließlich vier Jugendliche den tobenden Mann und hielten ihn bis zum Eintreffen der Polizei am Bahnsteig fest. Das Verfahren gegen ihn läuft noch.

Niemand fühlte sich zuständig

„Nach dem Vorfall bin ich erst einmal ein halbe Stunde lang völlig apathisch hin und hergelaufen“, so Arnold, „ich stand völlig neben mir.“ Die Transportleitung bot ihr zunächst an, ein Taxi nach Hause zu nehmen. „Doch dann konnten sie sich nicht einigen, wer mich in Köln abholen soll –niemand fühlte sich für mich zuständig.“ Dieses Verhalten, eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Unverständnis, blieb symptomatisch für das weitere Verhalten des Arbeitgebers gegenüber Nicole Arnold. Schließlich nahm sie auf eigene Faust die S-Bahn und fuhr nach Hause zu ihrem Mann, dem sie telefonisch von dem Vorfall berichtet hatte. Neben ihrer Familie halfen ihr in den nächsten Wochen und Monaten vor allem der Diensteinteiler und der GDL-Betriebsrat, mit der Situation klarzukommen. „Die haben sich regelmäßig bei mir gemeldet, gefragt wie es mir geht und mir Tipps gegeben, wo ich Hilfe finden kann“ so Arnold, „das war wirklich super.“ Doch vom Arbeitgeber, vom Teamleiter etwa, kam keine Unterstützung, „kein Anruf, gar nichts.“

Zwar bezahlte die DB ihre Therapie, doch um den Platz musste sie sich selber kümmern. Eine Aufgabe, die der traumatisierten Frau schwerfiel, wie überhaupt der Alltag anfänglich nicht leicht zu bewältigen war: „Die ersten drei Monate nach dem Vorfall hatte ich Probleme überhaupt aus dem Haus zu gehen“, so Arnold. Nach sechs Monaten kehrte sie nach dem „Hamburger“ Modell der stufenweisen Wiedereingliederung an ihren Arbeitsplatz zurück. In den ersten Wochen arbeitete sie zunächst zwei, dann vier und dann sechs Stunden – aber immer zu zweit. „Ich habe meiner Familie versprochen, dass ich nie wieder alleine fahre.“

Übergriffe werden immer schlimmer

Fünf Monate lang fuhr sie zu zweit, dann hieß es von der Teamleitung: „Entweder du machst Prüfdienst oder du gehst zum Jobcenter.“ Nicole Arnold fiel aus allen Wolken: „Da kam ich mir vor wie eine Nummer. Ich habe mich jahrelang reingekniet, war noch nie krank und habe nie verschlafen – und dann sowas. Man wird einfach eiskalt abserviert.“ Die Weigerung des Arbeitgebers sie dauerhaft im Zweier-Team fahren zu lassen, kann Arnold nicht nachvollziehen, zumal auch Polizei und Sicherheitsleute immer zu zweit auftreten. „Die Übergriffe werden immer schlimmer und die wollen uns hier alleine fahren lassen? Das darf nicht wahr sein.“ Erst kürzlich hat man einer ihrer Kolleginnen die Zigarette im Nacken ausgedrückt, eine andere wurde aus dem Zug geprügelt.

Um einige Illusionen ärmer

Nicole Arnold kann heute wieder regulär zur Arbeit gehen, doch die Angst fährt jedes Mal mit. „Wenn die Züge morgens im Berufsverkehr voll sind, muss ich mich erstmal hinsetzen und beruhigen, weil ich die Nähe zu anderen Menschen kaum aushalte.“ Entspannung und inneren Ausgleich findet sie bei ihren Hobbies, Lesen und Kochen. Außerdem macht sie seit dem Übergriff Yoga und geht ins Fitnessstudio, „das hilft.“ Bezüglich ihres Arbeitsgebers ist Nicole Arnold um einige Illusionen ärmer. „Opfer von Übergriffen, zumal von sexuell motivierten, werden total im Stich gelassen. Der Arbeitgeber würde solche Vorfälle am liebsten unter den Teppich kehren.“ Ihr Eindruck: „ Man muss einfach nur funktionieren, alles andere zählt nicht.“

Für die Zukunft wünscht sich Nicole Arnold neben der besseren Betreuung der von Übergriffen betroffenen Kollegen endlich mehr Anerkennung für sich selbst und die gesamte Berufsgruppe der Zugbegleiter: „Ich will einfach nur mal hören Klasse, das hast du super gemacht.“

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