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AK BEB legt Konzept vor

Betreuung vor und nach belastenden Ereignissen

Voraus Artikel - GDL Aktuell - 04.11.2016

Lokomotivführer, Zugbegleiter und Bordgastronomen sehen sich in Ausübung ihrer Arbeit besonderen Gefahren ausgesetzt. Das reicht von verbalen Übergriffen und körperlichen Attacken über Beinahe-Unfälle bis zu Schienensuiziden. Leider ist gegen diese Vorfälle und die damit oft einhergehende traumatische Belastung ein vollständiger Schutz nicht möglich – sie sind Teil des Risikos, das den Berufen des Zugpersonals bis zu einem gewissen Grad innewohnt.

Doch umso dringlicher stellen sich folgende Fragen: Wie muss wirksame Hilfe für die von belastenden Ereignissen Betroffenen beschaffen sein? Welche Präventionsmaßnahmen sind geeignet, die Beschäftigten auf den Ernstfall vorzubereiten? Was kann zur Unterstützung direkt vor Ort getan werden? Und welche Form der Nachbetreuung gewährleistet die besten Genesungschancen und erhöht damit die Möglichkeit einer gelingenden beruflichen Wiedereingliederung?

Bestmögliche Hilfe und Unterstützung

Die GDL hat diese Themenstellung früh erkannt. Bereits im September 2013 berief der GDL-Hauptvorstand den „Arbeitskreis Suizid“ mit der Maßgabe, Vorschläge zur Beschleunigung von Rehabilitationsmaßnahmen für von Schienensuiziden betroffene Lokomotivführer zu erarbeiten. Doch schon in der ersten Sitzung wurde der Name in „Arbeitskreis Belastende Ereignisse Bewältigen“ (AK BEB) geändert und die Aufgabenstellung erweitert. Das Ziel soll es nun sein, dem gesamten Zugpersonal, also Lokomotivführern, Zugbegleitern und Bordgastronomen aller Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland angesichts belastender Ereignisse die bestmögliche Hilfe und Unterstützung zu gewährleisten. Das aus dieser Aufgabenstellung resultierende Konzept legte der Arbeitskreis nun vor.

Wirksames 16-Punkte-Programm

Unter der Überschrift „Betreuung vor und nach belastenden Ereignissen“ beschreibt der AK BEB darin auf rund 30 Seiten so bündig wie detailliert die gesamte Problematik belastender Ereignisse. Auf der Basis des Zusammenwirkens von strukturierter Vorsorge, direkter Betreuung am Geschehensort und gründlicher Nachsorge entwickelte der Arbeitskreis das folgende, aus 16 Punkten bestehende Maßnahmenpaket:

  • Vorbereitung auf belastende Ereignisse durch feste Module schon während der Ausbildung
  • Aus- und Fortbildung von Vorgesetzten, Mitarbeitern und Ersthelfern
  • Rasche Sicherung der Informationskette nach Eintritt des Ereignisses
  • Schnelle Information des Ersthelfers
  • Exklusive Betreuung durch geschulte Ersthelfer am Geschehensort
  • Ungestörte Fahrt zur und von der Unfallstelle
  • Zeitnahe Betreuung durch den Vorgesetzten
  • Herstellung von Abstand zum Ereignis
  • Konsultation eines Arztes und/oder Psychologen
  • Aufklärung und Einbeziehung der Familie
  • Halten des Kontakts zum Betroffenen
  • Behutsame, begleitete Wiederaufnahme des Dienstes
  • Eingliederung der Zugbegleiter durch Kollegen ihrer Wahl
  • Ausführliches Nachsorgegespräch mit dem Vorgesetzten
  • Vorübergehend andere Beschäftigung bei temporärer Dienstuntauglichkeit
  • Gegebenenfalls Feststellung der Dienstuntauglichkeit

Breite Datenbasis, gute Vorbereitung

Das Konzept wurde auf einer breiten Datenbasis erstellt und ist das Ergebnis äußerst gründlicher Vorbereitungen. Zu Beginn der Ausarbeitung sah sich die vom Hauptvorstand damit betraute neunköpfige Arbeitsgruppe innerhalb des AK BEB mit einem unklaren Meinungsbild konfrontiert: Zu sehr auf Hörensagen beruhten die Mitteilungen der betroffenen Beschäftigten und der Unternehmen über die Folgen von Übergriffen und Unfällen, zu hoch war die Quote derer, die es vorzogen zu schweigen.

Erste Klarheit brachte eine im Frühsommer 2016 durchgeführte, groß angelegt Online-Umfrage unter den GDL-Mitgliedern des Zugpersonals in Deutschland. Demnach war der Leidensdruck unter den Betroffenen wesentlich höher als angenommen. Eine zugleich durchgeführte Untersuchung auf europäischer Ebene ergab, dass zwar keine länderübergreifenden EU-Richtlinien existieren, wohl aber bestimmte Verfahrensstandards bei Eisenbahnunfällen, Beinahe-Unfällen, Störungen und sonstigen gefährlichen Ereignissen. Fündig wurde die Arbeitsgruppe auch bei der Europäischen Eisenbahnagentur (ERA): Diese bemüht sich mit einem eigens eingerichteten „Workshop Suizid“ um die Vereinheitlichung des Berichtswesens zu den Schienensuiziden in Europa. Ziel ist es, geeignete Maßnahmen zur Reduzierung dieser Ereignisse zu entwickeln und so, neben den persönlichen Folgen für die Betroffenen, auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden zu begrenzen. Zudem soll die Sicherheit des Schienenverkehrs in der EU netzübergreifend gestärkt werden.

Uneinheitliches Bild in Europa

Um einen Überblick über die nationalen Regelungen in anderen europäischen Ländern zu erhalten, wandte sich die GDL schließlich an die Autonomen Lokomotivführer-Gewerkschaften Europas (ALE). Als ALE-Mitglied schloss die GDL bereits 2006 ein Abkommen zur Gewährung gegenseitiger Hilfe aller ALE-Mitgliedsgewerkschaften bei der Betreuung von Notfällen im grenzüberschreitenden Verkehr. Die Erhebung unter acht Mitgliedsgewerkschaften ergab ein sehr widersprüchliches Bild: Während einige Länder wie Belgien und die Schweiz über eine vergleichsweise gute bis sehr gute Betreuung verfügen, existieren woanders kaum oder nur sehr geringe Schutzregelungen für die Beschäftigten. Zudem herrschen in einigen Ländern gravierende Lücken in der Rechtssicherheit der Betroffenen.

Standard bei traumatischen Ereignissen

Das im Ergebnis der umfangreichen Recherche entstandene Konzept bietet aus Sicht des AK BEB die beste Gewähr, Schaden von den durch belastende Ereignisse betroffenen Mitarbeitern des Zugpersonals abzuwenden. Die GDL strebt an, die darin beschriebenen Maßnahmen über Deutschland hinaus zum Standard im Umgang mit traumatischen Vorfällen zu etablieren und führt hierzu intensive Gespräch mit Arbeitgebern, der Politik und weiteren Partnern im Eisenbahnverkehrsmarkt. S. M.

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