» Die Zukunft der Eisenbahn

Liebe Kolleginnen und Kollegen, „es ist höchste Zeit, konsequent umzusteuern: Zukunft Bahn – Gemeinsam für mehr Qualität, mehr Kunden, mehr Erfolg“. Diese Maxime gibt Herr Grube nach nunmehr über sechs Jahren als DB-Vorstandsvorsitzender aus. ... mehr

Nutzung elektronischer Arbeitsmittel

Win-win – für wen?

Voraus Artikel - GDL Aktuell - 07.12.2015

Kein Gewinn für die Arbeitnehmer: Fallen die Einsatzstellen zugunsten virtueller Meldepunkte weg, gehen wertvolle Möglichkeiten des Austauschs und der Kommunikation verloren.  Foto: Stefan Mousiol
Kein Gewinn für die Arbeitnehmer: Fallen die Einsatzstellen zugunsten virtueller Meldepunkte weg, gehen wertvolle Möglichkeiten des Austauschs und der Kommunikation verloren. Foto: Stefan Mousiol

Immer stärker setzen Eisen­bahn­­verkehrs­unter­nehmen (EVU) darauf, das Zugpersonal mit Tablets und Smartphones auszurüsten. Dabei wird gerne der Eindruck vermittelt, dies sei eine „Win-win-Situation“, also ein Zustand, von dem Arbeitgeber und Beschäftigte gleicher­maßen profitieren. Doch stimmt das wirklich?

Klar ist: Durch den Einsatz der neuen Geräte können viele Unterlagen, die bislang in Papierform bereitgestellt werden mussten, nun elektronisch abgerufen werden. Kilobyte statt Kilogramm – das spart tatsächlich erhebliches Gewicht bei der täglichen Arbeit. Doch damit daraus ein komplettes „Win“ für die Beschäftigten des Zugpersonals wird, stellt der Arbeitgeber den Mitarbeitern nicht nur die Geräte zur Verfügung. Er gestattet ihnen auch die private Nutzung und übernimmt darüber hinaus sogar einen Großteil der anfallenden Kosten. Im Gegenzug dazu sollen die Mitarbeiter nur einen ganz kleinen Beitrag leisten: Auf ein bisschen Arbeitszeit sollen sie verzichten – und zwar auf jene, die bisher notwendig war, um in den Einsatzstellen die entsprechenden Unterlagen aufzunehmen.

Drei Schichten weniger pro Jahr

Topmoderne elektronische Geräte gegen Arbeitszeit, geht diese Rechnung auf? Legt man eine geschätzte Anfangsinvestition von 1 000 Euro für einen Tablet-PC pro Mitarbeiter und weitere 500 Euro für die jährlichen Kosten zugrunde, scheint es sich tatsächlich um eine sehr großzügige Geste der Arbeitgeber gegenüber ihren Mitarbeitern zu handeln. Dies erst recht vor dem Hintergrund, dass die EVU, und hier insbesondere die DB, unter hohem Wettbewerbsdruck stehen und unter Hinweis auf „dringlich notwendige Kostensenkungen“ tagtäglich versuchen, Betriebsrat und Beschäftigte zu Einsparbemühungen abzuholen. Doch wie verhält es sich mit dem anderen Posten in der Rechnung? Nur durchschnittlich drei Minuten zu Schichtbeginn und weitere drei Minuten zum Schichtende sollen nicht mehr zur Arbeitszeit gehören. Aber rechnet man einmal nach, ergibt sich ein ebenso verblüffendes wie ernüchterndes Bild: bei 200 Schichten im Jahr mal sechs Minuten ergibt das 1 200 Minuten oder 20 Stunden – mithin bis zu drei zusätzliche Schichten nicht angerechneter Arbeitszeit pro Jahr. Gleichzeitig wird Arbeit in die Freizeit der Beschäftigten verlagert.

Abschaffung der Einsatzstellen

Nicht pure Nächstenliebe steckt also hinter der massenhaften Ausrüstung mit Smartphones und Tablets, sondern knallhartes Kalkül. So ist und bleibt ein zentrales Ziel vor allem der DB die Abschaffung der realen und die Einführung virtueller Meldestellen. Damit sparen die Arbeitgeber nicht nur aus ihrer Sicht unnötige Kosten für die Räumlichkeiten. Zugleich umgehen sie die Beschlüsse des Bundesarbeitsgerichts (BAG) aus dem November 2013. Mit diesen hatte das Gericht die Rechtsauffassung der GDL und der klagenden Betriebsräte zur Mitbestimmung bei Unternehmensbekleidung und der Nutzung mobiler Arbeitsmittel gestärkt. Die Verantwortung für Abgabe und Aufbewahrung der Tablets und Smartphones liege beim Arbeitgeber, so das BAG. Doch dieser entzieht sich zusehends der Verpflichtung: Wo kein Melderaum, da auch keine Notwendigkeit, für die Unterbringung der Geräte zu sorgen.

Nutzung wird teuer erkauft

Die schöne neue Welt der elektronischen Medien birgt indes noch weitere Nachteile. Nicht nur gehen mit dem Wegfall der Meldestellen Möglichkeiten des Austauschs und der Kommunikation für die Mitarbeiter verloren, es droht zunehmend eine weitere Arbeitsverdichtung. In Zeiten der Handys und Tablets kann der Arbeitgeber die Beschäftigten in ihrer Freizeit leichter als je zuvor erreichen und ganz bequem zum Dienst beordern. Für wen bedeutet das einen Gewinn? Gar nicht zu reden von den Haftungsrisiken für defekte Geräte oder Schäden an der Software, die den Arbeitnehmern aufgebürdet werden – oder auch den Stromkosten, die beim privaten Laden der PCs und Handys entstehen. Im Übrigen ist im Zusammenhang mit Tablet-PCs und Smartphones die Frage des Datenschutzes noch immer völlig ungeklärt. Der in den Geräten installierte Google-Ortungsdienst ermöglicht dem Arbeitgeber jederzeit die räumliche Zuordnung der Arbeitnehmer. Das kann nicht im Interesse der Beschäftigten sein.

Rahmenbedingungen müssen stimmen

So verlockend sie auch zu sein scheint: Die Nutzung moderner Arbeitsmittel wird offensichtlich teuer erkauft. Auf der Strecke drohen hart erkämpfte Arbeitnehmerechte vor allem bei Arbeitszeit und Datenschutz zu bleiben und auch das kollegiale Miteinander in den Meldestellen.
Die GDL verteufelt nicht moderne Arbeitsmittel. Sie ist im Gegenteil die erste, die Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen des Zugpersonals einfordert und diese begrüßt. Voraussetzung ist aber, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Eine Win-win-Situation, so wurde eingangs erläutert, ist dann erreicht, wenn alle Beteiligten gleichermaßen davon profitieren. Doch bei der Bestückung der Mitarbeiter mit elektronischen Medien droht das erstrebte Gleichgewicht zu kippen. Um zu verhindern dass aus dem „Win-win“ ein Verlustgeschäft für die Beschäftigten wird, setzt sich die GDL auch weiterhin dafür ein, das Zugpersonal zum Gewinner zu machen.
S. M.

» Download Artikel als PDF


Mehr zum Thema Zugbegleiter


Weitere Links und Infos